Arsch kicken, Arsch zeigen: eine kleine Inventur des Superhelden-Sexismus

„How can a woman fight in this?“ - Wonder Woman, 2017
„How can a woman fight in this?“ – Wonder Woman, 2017

Es gibt eine wunderbare Szene in „Wonder Woman“,1 in der die kampferprobte Amazone die Damenmode Londons im ersten Weltkrieg anprobiert. „Wie soll eine Frau darin denn kämpfen?“, fragt sie, sichtlich irritiert. Diese Frage stellen sich Superhelden-Kostüm-Designer*innen aber offensichtlich nicht.

Denn: Was braucht es, um als Mitglied in einer Superhelden-Gruppe in den Kampf zu ziehen? Eine praktikable Kleidung — oder Brüste. Eine unvollständige Sammlung.

Wonder Woman

Superhelden(-filme) sind die Domäne kleiner (und großer) Jungs, denkt Hollywood. Anders lässt es sich nicht erklären, dass der Branchen-Primus Marvel Comics seit 2008 17(!) Superhelden-Filme veröffentlicht hat,1 in denen unter anderem erlauchtes Personal wie eine hammerschwingende nordische Gottheit, ein grünhäutiges Monster mit Stimmungsschwankungen, ein eingefrorener Super-Soldat und ein Dieb der mit Ameisen spricht die Hauptrolle spielen… aber eine Frau als Superheld? Absurd.

The Meyerowitz Stories

Toll gespielte Tragik-Komödie über eine dysfunktionale New Yorker Patchwork-Familie, deren Oberhaupt (Dustin Hoffmann) mit seinem Scheitern als Künstler und, konflikt-trächtiger: Vater konfrontiert wird.

Vor allem Adam Sandler, der König schludriger Komödien, brilliert1 in einem wunderbaren Ensemble. Einzig den Schauspielerinnen hätte Mensch mehr Raum und Gewicht gewünscht — das Drehbuch hat nur marginale Opfer-Rollen für sie übrig.

IMDB


  1. Er kann, wenn er will. 

The Square

Diese Satire über die bourgeoise Kunstwelt hat jede Menge entlarvende, schreiend komische Momente zu bieten — zu viele, denn der Film verliert etwas den Fokus zugunsten von wunderbar absurden, aber auch völlig Konsequenz-freien Szenen. Ein toller Film (und einer der witzigsten des Jahres), der leider knapp an grandios vorbeischlittert.

“The Square“ auf IMDb / „The Square“ läuft gerade im Kino

Popstar: Never Stop Stopping

„Popstar“ hat alle Zutaten für das Spinal Tap1 der YouTube-Generation zusammen: Ein eingespieltes Team2, sowohl Comedy- als auch Musik-Talent und die Bereitschaft, sich lustvoll bloss zu stellen.

Leider wird die Geschichte des verunglückten Comebacks eines minderbemittelten Popstars namens „Connor4REAL“ eine unverdiente Katharsis3 später dann doch hübsch hollywoodig-schmerzfrei-harmonieselig aufgelöst. Mehr Mut zum Scheitern, bitte.

Popstar: Never Stop Never Stopping (2016) – IMDb / Popstar: Never Stop Never Stopping – JustWatch


  1. This is Spinal Tap (1984) – IMDb 
  2. The Lonely Island 
  3. „I knew my single was offensive!“ 

The One I Love

Leichtfüßig im Niemandsland zwischen Thriller und Komödie, toll gespielt, herausragender Soundtrack. Wir beobachten ein Paar bei dem Versuch, während eines Ausflugs ihre Ehe zu retten. Das ist nicht einfach, und dann wird es kompliziert. Die Potentiale des Twists werden leider ein wenig verschenkt.

The One I Love (2014) – IMDb / The One I Love – JustWatch

Under the Shadow

Die besten1 Horrorfilme handeln nur vordergründig von Monstern oder Zombies: alle hypernatürlichen Erscheinungen manifestieren den alltäglichen sozialen 2 Terror, die Fratze im Spiegel ist die unsere.

So auch in Babak Anvaris klaustrophobischem „Under the Shadow“, in dem eine junge Frau und ihre Tochter im post-revolutionären Iran der Achtziger Jahre von einem bösen Geist heimgesucht werden.

Under the Shadow (2016) – IMDb / Under the Shadow bei Justwatch


  1. Klar, Ausnahmen: „Alien“ beispielsweise
    ist ein sagenhafter, hoch effektiver Monster-Film ohne doppelten Boden. 
  2. und sehr „natürlichen“ 

Weiner

2013: Anthony Weiner ist ein junger US-Politiker mit reichlich Energie und Charisma, der Bürgermeister von New York werden will. Leider hat er eine Affäre am Hals: Der verheiratete Demokrat schickte ein Photo seines erigierten Penis´1aus Versehen nicht an eine schlüpfrige Online-Bekanntschaft, sondern an die weltweite Twitter-Gemeinde. Ups.

So der Rahmen dieser Politik-Dokumentation, die glücklicherweise wenig an schlüpfrigen Details und selbstgerechter Moralisierung interessiert ist: Die Filmemacher begleiten Weiner auf Schritt und Tritt durch die Höhen und Tiefen seines Wahlkampfes und geben ihm in entblössenden Interviews die Chance, diese einzuordnen. Und ja, sein Name wird im englischen „Wiener“ ausgesprochen.

Weiner – IMDb / Weiner auf Justwatch


  1. Immerhin: Von Unterbuchse verhüllt! 

Get Out

„Wissen deine Eltern…“ fragt der Fotograf Chris seine Freundin Rose, kurz bevor sie zum Erstbesuch bei ihren Eltern aufbrechen, „…nun… dass ich schwarz bin?“.

„Warum? Warum müssen Sie das wissen?“ antwortet Rose.

Der muskulöse, clevere und sagenhaft unterhaltsame Horror-Film des US-Komikers Jordan Peele untersucht Spielarten des Rassismus in einem weissen Vorort: von unbeholfenem Small-Talk („ich hätte zum dritten Mal für Obama gestimmt, ich liebe Obama“) über Racial Profiling bis hin zu einer besonders perfiden Form moderner Sklaverei — und ist dabei witziger als fast alles, das unter der Kategorie „Komödie“ gerade ins Kino gespült wird.

Absolute Empfehlung1.

Get Out (2017) – IMDb / „Get Out“ läuft gerade im Kino2.


  1. Eine gewisse Gewalt-Toleranz vorausgesetzt. Es wird blutig. 
  2. Unbedingt in Original-Fassung oder OmU gucken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Film in Übersetzung nicht verliert. 

Split

Magst du James McAvoy? Prima, hier kannst du ihm zwei Stunden lang dabei zusehen, wie er sich mit offensichtlicher Begeisterung in 24(!) Facetten einer „gespaltenen Persönlichkeit“ hineinschauspielert.

Magst du M. Night Shyamalan? Also, seine frühen Großtaten „6th Sense“ und „Unbreakable“? Dann muss ich enttäuschen. „Split“ ist flott inszeniert und unterhaltsam, aber auch strunzdumm1.

Ach so, ja: 3 Teenager werden entführt und in Unterwäsche durch einen Keller gehetzt. Es gibt einen Twist.


  1. Insbesondere die Art und Weise, wie der Film das Thema Missbrauch und multiple Persönlichkeitsstörung behandelt.