GAGA: 5 foot 2

Lady Gaga ist die neue Madonna, ob wir wollen oder nicht. Als solche muss irgendwann ein enthüllendes Selbst-Portrait in Film-Form her, ob wir nun wollen oder nicht.

Was erfahren wir also in dieser Dokumentation? Lady Gaga ist eine Vollblut-Musikerin, sie schreibt, singt und orchestriert den Kosmos Gaga.

Aber auch: Lady Gaga liebt Mode. Lady Gaga herzt ihre Familie. Lady Gaga hat Krisen. Lady Gaga besitzt Brüste, die sie ab und an nonchalant in die Kamera hält. Lady Gaga wird krank. Lady Gaga befürchtet unter Tränen in einer (von ihr in Auftrag gegebenen) Dokumentation, dass sie weinerlich erscheint.

Stefani Joanne Angelina Germanotta ist eine verdammt gute neue Madonna, und die alte1 hat auch noch keinen sehenswerten Film produziert.

Gleichstand.

Gaga: Five Foot Two auf IMDb / Gaga: Five Foot bei Netflix gucken


  1. im Sinne von „Vorgängerin“. 

The Cloverfield Paradox

Ein Mechaniker auf einer Raumstation, welche die letzte Rettung der Menschheit darstellt, verliert in einer bizarren Horror-Szene einen Arm, und verbringt den Rest des Filmes damit, darüber Witze zu reißen.

Die Heldin entscheidet sich zur Teilnahme an einer Himmelfahrts-Mission, weil ihr Partner “so süß ist”.

Charaktere lautsprechen wiederholt den Titel des Filmes, vor dessen Effekt ein Wissenschaftler per unbeholfener Video-Einblendung gewarnt hat.

“The Cloverfield Paradox” ist mit Abstand der dümmste Eintrag in der Cloverfield-Reihe, aber wie das Hipster-Blair-Witch-Project “Cloverfield” (2008) und der Bunker-Thriller “10 Cloverfield Lane” (2016) auch verdammt unterhaltsam1.

The Cloverfield Paradox bei Netflix anschauen


  1. Wenn ihr einen davon guckt, dann aber bitte “10 Cloverfield Lane” – ähnlich
    klaustrophobisch, aber mit einem Drehbuch, das den Namen verdient und: John Goodman. 

Bright

Will Smith. Maschinengewehre. Orks.

Klingt nach fantastischem Stuss? Ja und nein: Netflix’ erster Blockbuster1 ist ein überambitionierter B-Movie zwischen Herr der Ringe, Polizisten-Drama2 und einer extrem platten Rassismus-Allegorie. Viel zu viel für das dünne Drehbuch, vor allem wenn alle 15 Minuten Kugeln und coole Sprüche fliegen zwischen Mensch, Ork und Elfe3.

Bright (2017) – IMDb / Ansehen: „Bright“ auf Netflix


  1. Netflix will dein Kino sein, mit eigenen Serien und zunehmend auch Filmen. 
  2. Regisseur David Ayer kann Cop-Drama besser: End of Watch (2012) – IMDb 
  3. Noomi Rapace, in einer besonders undankbaren Rolle. 

Bemerkenswertes in Film/TV 2017

Teil der Jahresendabrechnung 2017.

Beste schwarze Komödie, bester Mord per Hirschgeweih:
„Get Out“ von Jordan Peele (IMDB / Rezension)

Beste Tanz-Szene mit Maschinengewehr, Sonderpreis Trauer:
„Foxtrot“ von Samuel Maoz (IMDB)

Bester Superhelden-Film, der keiner sein will, bester angepisster alter Mann:
„Logan“ von James Mangold (IMDB)

Beste Superhelden-Serie zwischen David Lynch und Wes Anderson, Bösewicht des Jahres:
„Legion“ von Noah Hawley (IMDB)

Beste Fortsetzung, packendste Verwandlung eines (menschlichen) Genies in eine Gurke:
„Rick & Morty“ von Dan Harmon, Justin Roiland (IMDB / Rezension)

Realistischste Affen-Szenen (Gleichstand):
„The Square“ von Ruben Östlund (IMDB / Rezension)
„Planet der Affen: Survival“ von Matt Reeves (IMDB)

Sonderpreis Mythologie-Bereinigung:
„Star Wars: The Last Jedi“ von Rian Johnson (IMDB / Rezension)

Star Wars: The Last Jedi

Schlechtgelaunter alter Mann: Mark Hamill in "The Last Jedi"
Schlechtgelaunter alter Mann: Mark Hamill in "The Last Jedi"

Tabula Rasa in einer Galaxie, weit weit entfernt: Nach der vergnüglichen Nostalgie-Show1 von „The Force Awakens“ schneidet Regisseur/Drehbuchautor Rian Johnson2 die Zöpfe ab. Scheiss auf die Jedi-Ritter, ihre heiligen Schriften und anderen Proporz, „The Last Jedi“ ist unterhaltsamstes Popcorn-Kino und wichtiger: eine Absage an eine staubige Mythologie, die am eigenen Gewicht zu ersticken drohte.


  1. Rezension 
  2. Bitte „Brick“ und „Looper“ vom gleichen Regisseur dringend ansehen. Beides tolle Filme. 

Arsch kicken, Arsch zeigen: eine kleine Inventur des Superhelden-Sexismus

„How can a woman fight in this?“ - Wonder Woman, 2017
„How can a woman fight in this?“ – Wonder Woman, 2017

Es gibt eine wunderbare Szene in „Wonder Woman“,1 in der die kampferprobte Amazone die Damenmode Londons im ersten Weltkrieg anprobiert. „Wie soll eine Frau darin denn kämpfen?“, fragt sie, sichtlich irritiert. Diese Frage stellen sich Superhelden-Kostüm-Designer*innen aber offensichtlich nicht.

Denn: Was braucht es, um als Mitglied in einer Superhelden-Gruppe in den Kampf zu ziehen? Eine praktikable Kleidung — oder Brüste. Eine unvollständige Sammlung.

Wonder Woman

Superhelden(-filme) sind die Domäne kleiner (und großer) Jungs, denkt Hollywood. Anders lässt es sich nicht erklären, dass der Branchen-Primus Marvel Comics seit 2008 17(!) Superhelden-Filme veröffentlicht hat,1 in denen unter anderem erlauchtes Personal wie eine hammerschwingende nordische Gottheit, ein grünhäutiges Monster mit Stimmungsschwankungen, ein eingefrorener Super-Soldat und ein Dieb der mit Ameisen spricht die Hauptrolle spielen… aber eine Frau als Superheld? Absurd.

The Meyerowitz Stories

Toll gespielte Tragik-Komödie über eine dysfunktionale New Yorker Patchwork-Familie, deren Oberhaupt (Dustin Hoffmann) mit seinem Scheitern als Künstler und, konflikt-trächtiger: Vater konfrontiert wird.

Vor allem Adam Sandler, der König schludriger Komödien, brilliert1 in einem wunderbaren Ensemble. Einzig den Schauspielerinnen hätte Mensch mehr Raum und Gewicht gewünscht — das Drehbuch hat nur marginale Opfer-Rollen für sie übrig.

IMDB


  1. Er kann, wenn er will. 

The Square

Diese Satire über die bourgeoise Kunstwelt hat jede Menge entlarvende, schreiend komische Momente zu bieten — zu viele, denn der Film verliert etwas den Fokus zugunsten von wunderbar absurden, aber auch völlig Konsequenz-freien Szenen. Ein toller Film (und einer der witzigsten des Jahres), der leider knapp an grandios vorbeischlittert.

“The Square“ auf IMDb / „The Square“ läuft gerade im Kino

Lady Dynamite

„Sorry that my dreams are inconvenient for you“

Im Englischen gibt es die wunderbare Bezeichnung „Cringe Comedy“, die im Gegensatz zu dem deutschsprachigen Pendant „Fremdscham-Komödie“ die körperliche Reaktion1 des Publikums auf hochpeinliche Situationen beschreibt. Die Bühnen-Persona der amerikanischen Komikerin Maria Bamford und ihre wunderbar chaotische Netflix-Serie „Lady Dynamite“ ist eine (fast) konstant hyperventilierende Fremdscham-Komödie. Und sehr gut2.

Lady Dynamite – Serie – JustWatch


  1. Das Zusammenzucken. 
  2. Mir ist klar, das schmeckt nicht jeder/m. Vor allem, weil der (reale) psychische Zusammenbruch der Autorin und Hauptdarstellerin die Rahmenhandlung darstellt. Aber hier ist niemand auf Mitleid oder pathetische Bestätigung aus, „Lady Dynamite“ schätzt die Absurdität des Alterns in Hollywood und die Marotten seines inkompetenten Personals viel zu sehr, um jemals selbstgerecht und damit: Langweilig zu werden.